Am 31.10.2015 hat die Gesellschaft für Arterhaltende Vogelzucht e.V. (GAV) damit begonnen ein international ausgerichtetes Zuchtprojekt für den Schwalbensittich zu initiieren. Gemeinsam mit Simon Bruslund (EAZA Parrot TAG & Zoo Heidelberg) versuchten wir zunächst in den darauffolgenden Wochen Werbung für diese Initiative zu machen, um gleich von Beginn an möglichst viele Menschen für eine Zusammenarbeit bei dieser wichtigen Arterhaltungsmaßnahme begeistern zu können. Gesucht wurden anfangs vor allem Züchter und Zoologische Einrichtungen, die diese Papageienspezies bei sich pflegen und sich dazu bereit erklären ihre Schwalbensittiche in das Projekt einzubringen. Leider veröffentlichten nur wenige Zeitschriften diesen Aufruf zur Unterstützung unserer Initiative.

Im Mai 2016 ergaben sich während eines Treffens von Simon Bruslund und Jörg Asmus (GAV) im Vogelpark Viernheim weitere Planungen, die zu einem erfolgreichen Start der Initiative führen sollten. Es war zunächst vorgesehen in den Reihen der privaten Züchter eine geeignete Person zu finden, welche die Schwalbensittiche der privaten Zuchtprojektteilnehmer in einer geeigneten Zuchtbuchsoftware aufnimmt und darin verwaltet. Innerhalb der Zoogemeinde sollte ebenfalls ein Ansprechpartner für die Zoos gefunden werden, der die gleiche Aufgabe für die teilnehmenden Institutionen übernimmt. Des Weiteren wurde beschlossen, dass die in dem Projekt involvierten Schwalbensittiche nach ihrem Aussehen mit dem phänotypischen Wildvogel verglichen werden sollen. Die in das Projekt aufgenommenen Individuen müssten dann noch auf



Foto: Simon Bennett, Australien Juveniler Schwalbensittich



Polyoma- und Circoviren hin getestet werden und später sollen dann auch noch die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Tiere zueinander mittels genetischer Untersuchungen festgestellt werden. Weiterhin müssten die dann geeigneten Vögel so untergebracht werden, dass sie bei Bedarf sofort für Auswilderungsmaßnahmen zur Verfügung stehen.

Bis zum Oktober 2016 wurden die ersten Schwalbensittiche aus 3 Zoos und 5 Privathaltungen zur Teilnahme an dem Projekt gemeldet. Nils Becker (GAV) hatte sich sofort bereit erklärt die Registrierung der Vögel zu übernehmen und er stand des Weiteren auch sofort als Leiter des Zuchtprojektes zur Verfügung.

Gemeinsam mit Dr. Till Töpfer (Zoologisches Forschungsmuseum

Alexander Koenig in Bonn) wurden die Vergleichsmöglichkeiten (Messstrecken) von Museumsbälgen und lebenden Schwalbensittichen erarbeitet und auch die Beurteilungen von eventuellen Farbabweichungen.

In den folgenden Wochen wurden nunmehr die ersten Anfragen an naturhistorische Museen gerichtet. Mittels einer direkten Unterstützung der Natural Sciences Collections Association gelang den Initiatoren des Projektes der Zugang zu über 200 Museen auf der ganzen Welt, von denen einzelne ihre Bereitschaft erklärten Schwalbensittichbälge für die beabsichtigten Untersuchungen zur Verfügung zu stellen. Das Naturkundemuseum in Berlin stellte für diese Arbeiten Räumlichkeiten zur Verfügung und übernahmen auch die logistische Arbeit, die sich durch die Entgegennahme der



Foto Staatl. Naturhistorisches Museum Braunschweig 



Museumsbälge und den späteren Versand ergaben. Einzelne Bälge wurden auch direkt in den Sammlungen einzelner Museen vermessen oder wurden zur Bearbeitung an die Privatanschrift von Jörg Asmus versandt.

Das Institut für Molekulare Diagnostik Bielefeld (IMDB) unterstützt das Schwalbensittich-Projekt mit einem Sonderangebot, indem es die Polyoma- und Circoviren-Tests zu einem Selbstkostenpreis anbietet.

Inzwischen meldete sich auch Flemming Nielsen (Zoo Kopenhagen), der das als Monitoring-Programm gestartete Schwalbensittich-Projekt innerhalb der EAZA betreut und als direkter Projekt-Ansprechpartner für die europäischen Zoos fungieren soll. Außerdem verfügte Flemming Nielsen über ausgezeichnete

Verbindungen zu Howell Williams (Tasmanien Programmdirektor für das Schwalbensittich-Programm).

Florian Schäfer (Naturkundemuseum Erfurt) erklärte sich bereit, alle gemeldeten Schwalbensittiche in die Zuchtbuchsoftware SPARKS und PmX. Er ist geschult im Umgang mit dieser Software und kann damit auch entsprechende Analysen erstellen, die in Zukunft wichtig werden könnten.

Bei dieser kurzen Zusammenfassung des Projektgeschehens wurden lange nicht alle Beteiligten erwähnt; es hätte wohl diesen Rahmen gesprengt. Die derzeit 91 (!) an dieser Initiative beteiligten Personen bzw. Institutionen sind unter der Rubrik "Unterstützer" zusammengefasst.



Projektteilnehmertreffen im Naturkundemus. Erfurt Der Tagungsraum



Am 29.07.2017 trafen sich im Naturkundemuseum Erfurt Vertreter von Zoos mit Privatzüchtern, um über den weiteren Werdegang des Schwalbensittich-Projektes zu beraten. Simon Bruslund, Flemming Nielsen, Florian Schäfer und Jörg Asmus erläuterten den Anwesenden die bisherige Projektarbeit. Aus den einzelnen Berichten war zu entnehmen, dass in den zurückliegenden Monaten seit Bestehen des Projektes natürlich nicht alles perfekt ablief. Seit dem 30.10.2015 ist eine Menge Zeit vergangen, so ist beispielsweise eine Kontaktperson zur australischen Regierung nicht mehr in seinem Amt, wie Flemming Nielsen (Zoo Kopenhagen) berichtete. Dafür ist es uns aber gelungen einen Kontakt zu den Mitarbeitern des Swift Parrot Recovery Teams in Tasmanien herzustellen, aus dem sich auf längere Sicht einige Kooperationsmöglichkeiten ergeben könnten.

Es wurden bis jetzt 75 Schwalbensittiche in dem Projekt angemeldet und fast ebenso viele Bälge in naturhistorischen Museen vermessen, um erste Vergleiche von Messdaten und phänotypischem Aussehen der Wildvögel mit den hiesigen Vögeln vornehmen zu können. In einem praktischen Teil wurden in Erfurt dann auch gleich 4 lebende Schwalbensittiche vermessen und auf Farbabweichungen hin untersucht.

Simon Bruslund (Zoo Heidelberg) erläuterte, dass die Situation für den Schwalbensittich hier in Europa zwar noch nicht so besorgniserregend ist wie in anderen Teilen der Welt, aber mit Blick auf diverse Nachzuchtstatistiken ist in den vergangenen Jahren zu beobachten, dass die Bestände auch hierzulande rückläufig sind. Hinzu kommt, dass einige der hier vorhandenen Tiere ersten Mutationseinflüssen unterliegen und ein großer Teil der Schwalbensittich-Population grundsätzlich falsch ernährt wird. Um genetisch einwandfreie und gesunde Schwalbensittiche in unserem Projekt zu integrieren, ist eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen in allen Belangen unumgänglich.

Florian Schäfer (Naturkundemuseum Erfurt) erläuterte die Notwendigkeit einer möglichst umfangreichen Datensammlung über die in dem Projekt gemeldeten Individuen. Nur so lassen sich die vielen Analysemöglichkeiten der Zuchtbuchsoftware optimal nutzen. Es soll demnächst eine Liste erstellt werden, die alle benötigten Daten aufführt. In diesem Zusammenhang kam auch die Frage auf, wie bei einer Schwarmhaltung verfahren wird, wenn die Paarpartner einander nicht sicher zugeordnet werden können. In diesem Zusammenhang wurden verschiedene Lösungsvarianten diskutiert.

Des Weiteren haben wir beschlossen Richtlinien für die Haltung von Schwalbensittichen zu erarbeiten. Hierzu wird ein Fragebogen erstellt, der an möglichst viele Schwalbensittich-Halter verschickt werden soll. Die Rückläufe werden dann im Tiergarten Schönbrunn und Zoo Schwerin ausgewertet, woraus dann die sogenannten Best Practice Guideline entstehen werden. Mithilfe dieser Richtlinien wollen wir in Zukunft eine gesunde Schwalbensittich-Population schaffen.

Um all diese Arbeiten professionell durchführen zu können, ist beschlossen worden insgesamt 4 Arbeitsgruppen innerhalb des Schwalbensittich-Projektes zu gründen. Bei der Zusammensetzung der Arbeitsgruppen wurde Wert darauf gelegt, dass diese aus Vertretern zoologischer Einrichtungen und Privatleuten gleichermaßen bestehen. Nur das als Begleitung des Projektes gedachte Veterinärteam ist in dieser Hinsicht unabhängig. Eine Arbeitsgruppe kümmert sich um die Erarbeitung der Best Practice Guideline, eine um das Populationsmanagement und eine weitere um die Organisation des gesamten Projektes.

Einen großen Teil der Veranstaltung nahmen Diskussionen ein, die sich aus der Beteiligung von Privatpersonen an einem solchen Zuchtprojekt ergeben. Wir mussten eine Lösung finden, wie wir es verhindern können, dass Privatzüchter und auch Zoos später nach Belieben wieder aus dem Projekt aussteigen. Entsprechende Selbstverpflichtungen führten in zahlreichen anderen Zuchtprojekten der Vergangenheit nicht ansatzweise zu dem gewünschten Erfolg, dort stellte sich in vielen Fällen leider heraus, dass die Beziehung zum Arterhalt bei vielen Teilnehmern nur ein Lippenbekenntnis war und Privatinteressen stets eine vordergründige Stellung einnahmen. Mit einer solchen Grundeinstellung lässt sich leider kein Zuchtmanagement erfolgreich durchführen.

Die in dem Projekt verwalteten Schwalbensittiche müssen zwangsläufig als eine einzige Population betrachtet werden, die zwar unter den verschiedenen Projektteilnehmern aufgeteilt sind aber durch begründete Empfehlungen des Populationsmanagements auch jederzeit wieder völlig anders verteilt werden können. Hieraus ergibt sich, dass auch Privatpersonen dazu bereit sein müssen Besitzansprüche an die von ihnen in das Projekt gegebenen

Schwalbensittiche aufzugeben. Diese grundsätzliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Projektarbeit stieß erwartungsgemäß nicht bei allen Anwesenden auf sofortige Gegenliebe. Bedenken wurden insbesondere von einer hier nicht namentlich erwähnten Person geäußert. So wurden beispielsweise Fragen gestellt, wie „Was passiert, wenn sich ein bei mir befindlicher Projektvogel verletzt und wer kommt in einem solchen Fall für die Tierarztkosten auf?“, „Was passiert mit Tieren, die aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in dem Projekt verbleiben können, z.B. wenn sie nicht mehr zuchtfähig sind?“ oder „Wer haftet dafür, wenn ich mir durch einen zugewiesenen Schwalbensittich eine Krankheit in meinen Bestand hole?“ Viele dieser Fragen hätte sich der betreffende Züchter fast schon selbst beantworten können, wenn er einmal die Eigentumsverhältnisse zu den Tieren ausgeblendet hätte. Denn wie würde man sich als Eigentümer von Vögeln verhalten, wenn sich ein Tier im eigenen Bestand verletzt? Würde man als Privatperson in einem solchen Fall versuchen seine Tierarztkosten von jemand anderem ersetzt zu bekommen? Wie verfahren Privatzüchter sonst mit ihren überalterten oder aus sonstigen Gründen nicht mehr zuchtfähigen Vögeln? Und wie verhält es sich, wenn sich Züchter ohne großartig darüber nachzudenken Vögel auf einer Vogelbörse kaufen und diese dann mitunter sogar ohne Quarantänemaßnahmen in den eigenen Bestand integrieren? Über solche Dinge scheinen sich einige Leute weniger den Kopf zu zerbrechen, wenn das Individuum als Privateigentum betrachtet werden kann. Ich hatte bei dieser Diskussion zeitweise den Eindruck, dass man zwar durchaus dazu bereit ist einen Beitrag für den Artenschutz zu leisten, aber alle Risiken, die sich aus einer Tierhaltung nun einmal ergeben, auch gleichzeitig von sich zu schieben.

Wir werden in Einzelfällen ganz bestimmt auch in finanzieller Hinsicht gewisse Entscheidungen zu fällen haben. Aber dabei sind dann zunächst die vorhandenen Mittel zu betrachten und die Notwendigkeiten der Ausgaben nach einer Prioritätenliste. Das Organisationsteam wird sich in der nächsten Zeit mit allen diesen Punkten zu beschäftigen haben und dann auch Lösungen anbieten. Wir sind derzeit beispielsweise dabei Möglichkeiten zu finden, die jährlichen Gesundheitstests bei unseren Schwalbensittichen kostengünstig oder vielleicht sogar kostenlos von einem Institut durchführen zu lassen, welches dann natürlich als Kooperationspartner unserer Bemühungen genannt wird. Das gleiche Ziel verfolgen wir bei den genetischen Untersuchungen. Wenn diese Kosten weitestgehend abgewendet sind, kann man über den weiteren Einsatz vorhandener Gelder entscheiden, wie z. B. eventuelle Kostenerstattungen im Zusammenhang mit Tiertransporten. In allen Fällen werden aber Tierarztkosten und auch sonstige Kosten im Zusammenhang mit der Haltung von Schwalbensittichen (Futter, Wasser, Energiekosten usw.) in den Hintergrund treten bzw. gänzlich ausgeschlossen.

Nach dem Treffen in Erfurt kennen wir nun einige Dinge, die noch einer Klärung bedürfen. Zu einer grundsätzlichen Entscheidung sind wir in Erfurt am 29.07.2017 aber gekommen. Wer sich innerhalb des Schwalbensittich-Projektes für den Erhalt dieser Art einsetzen möchte, wer also seine Schwalbensittiche für den Artenschutz in diesem Projekt zum Einsatz bringen möchte, der muss die Eigentumsverhältnisse an seinen Vögeln aufgeben. Für die Übergabe der Vögel wird derzeit ein Einstellungsvertrag erstellt, der in Erfurt in Grundzügen erarbeitet worden ist. Jeder Schwalbensittich-Züchter kann sich also entscheiden, ob er seine Tiere als sein Eigentum bei sich wissen möchte oder ob er diese Individuen als seinen ganz persönlichen Beitrag zum Erhalt einer Spezies betrachtet, die schon jetzt kurz vor dem Aussterben in ihrer australischen Heimat steht. Diese ganz persönliche Entscheidung können wir selbstverständlich niemanden abnehmen, aber der „arterhaltenden Vogelzucht“, die ja Bestandteil unseres Verbandsnamens ist, kommt Letzteres doch schon ein ganzes Stück näher.

Zum Schluss dieser kleinen Zusammenfassung möchte ich noch auf eine Gegebenheit hinweisen, die sich im Anschluss dieses äußerst konstruktiven Treffens in Erfurt ereignete. Zwei Privatzüchter beabsichtigen sich jeweils ein Paar Schwalbensittiche anzuschaffen und diese dann an einen der an dem Projekt teilnehmenden Zoos zu übergeben, mit der Verpflichtung für alle notwendigen Kosten auch weiterhin aufzukommen. Diese Variante der Projektteilnahme wurde von den Beiden in Betracht gezogen, weil sie selbst keinen Platz für die Unterbringung dieser Vögel zur Verfügung haben. Auch so kann Artenschutz funktionieren!

Im Januar 2018 werden wir uns zu einem nächsten Treffen zusammenfinden und dann vielleicht schon einige Zwischenergebnisse liefern können. Zum Abschluss dieser Zusammenfassung möchte ich noch Florian Schäfer und den Verein der Freunde und Förderer des Naturkundemuseums Erfurt e.V. für die tolle Organisation dieser Veranstaltung danken!



Teilnehmer des Projekttreffens (Schwalbensittich) v.l.n.r.: Jörg Asmus (GAV), Simon Bruslund (Zoo Heidelberg & EAZA Parrot TAG), Dr. Sabrina Höft (Zoo Schwerin), Richard Jöhl (Privatzüchter aus der Schweiz), Frank Bellin (GAV), Patrick Hund (GAV), Flemming Nielsen (Zoo Kopenhagen, Dänemark), Anita Bellin (GAV), Simone Haderthauer (Tiergarten Schönbrunn, Österreich), Carsten Vedder (GAV), Florian Schäfer (Naturkundemuseum Erfurt), Nils Becker (GAV), Ulrike König (GAV), Manfred Kästner (GAV)